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Individuell und komplex. Unser Essverhalten.

Die verschiedenen Dimensionen menschlichen Essverhaltens

Zu nennen wären die kognitive, biologische und emotionale Dimension sowie das konditionierte Verhalten als Ergebnis von Lernprozessen.

Die biologische Dimension umfassen evolutionsbiologische Programme wie zum Beispiel den Mere-Exposure-Effekt oder die spezifisch-sensorische Sättigung. Ersteres folgt dem Prinzip “Iss nur, was du kennst” (Neophobie) und stellt damit sicher, dass keine Aufnahme von unbekannten, möglicherweise giftigen Nahrungsmitteln erfolgt. Zweiteres erklärt die zunehmende Abneigung gegenüber einer sich wiederholenden Geschmacksqualität mit einem Steuerungsmechanismus für eine möglichst vielfältige Aufnahme von Nahrungsmitteln. Damit soll einem Nährstoffmangel vorgebeugt werden.

Für Neugeborene sind es insbesondere die Innenreize Hunger, Durst und Sättigung, die die Nahrungsaufnahme bestimmen und regulieren. Diese Primärbedürfnisse sichern das Überleben. Mit zunehmenden Lebensalter kommen Sekundärbedürfnisse, die durch Außenreize geprägt sind, hinzu. Die Außenreize sind das Ergebnis eines langen soziokulturellen Lernprozesses. Typisches Beispiel wäre das “Es wird gegessen, was auf dem Tisch kommt” oder mit dem Essen wird erst aufgehört, wenn der Teller leer ist. Auch festgelegte Essenszeiten und andere Essensrituale, geprägt u.a. von Familie und Kultur, werden von außen gesteuert. Der Mensch wird zu einem bestimmten Essverhalten also konditioniert.

Die kognitive Dimension beschreibt das bewusste sich Auseinandersetzen mit Lebensmitteln, Ernährung- und Essverhalten. Hier können ernährungswissenschaftliche Erkenntnisse ebenso eine Rolle spielen wie der eigene kulturelle und soziale Hintergrund.

Diese Dimension nimmt erst im Erwachsenenalter deutlich zu. Bei Kindern verhält es sich noch anders. Gerade die Ernährungserziehung von Kindern gelingt weniger durch das kognitive Verständnis, sondern vielmehr über die positive Erfahrung mit bestimmten Lebensmitteln. Das Imitationsverhalten spielt dabei eine wichtige Rolle. Das zwanglose Kennenlernen verschiedener Nahrungsmitteln fördert Akzeptanz und das Erleben neuer Geschmäcker. Abschreckungspädagogik, Lebensmittelklassifizierung nach gut und schlecht, gesund und ungesund und die Durchsetzung eines bestimmten Essverhaltens durch Gebote und Verbote ist kontraproduktiv. Gleiches gilt für die Instrumentalisierung von Lebensmitteln als Belohnung oder Bestrafung.

Das Ergebnis rationaler Überlegungen sind Entscheidungen in Bezug auf eine bestimmte Ernährungsweise und ein bewusst gesteuertes Verhalten im Umgang mit Ernährung. Da viele Faktoren dort hineinspielen können, bedeutet eine rationale Auseinandersetzung mit dem Thema Ernährung nicht gleich ein gesundes Essverhalten aus rein ernährungswissenschaftlicher Sicht. Es können u.a. ökonomische und ökologische Überlegungen mit einfließen. Das Ergebnis ist dann ein Kompromiss und kann sehr individuell ausfallen.

Nun ist der Mensch nicht nur ein rationales Wesen. Es spielen insbesondere emotionale Faktoren eine große Rolle, die einen noch so wohl überlegten und durchdachten Vorsatz zunichte machen können. Nicht zu vergessen, dass rein rationale Entscheidungen nicht immer die besten sein müssen und gerne das eigentliche Wesen eines Menschen untergraben können. Außerdem lösen gut gemeinte Ernährungstipps im Kontext mit Gesundheit, Aussehen oder Zugehörigkeit schnell eine Reihe von Emotionen aus. Ein Umstand, denen sich viele Unternehmen aus der Lebensmittel-, Fitness- und Gesundheitsbranche zu Nutze machen.

Einfluss auf das Essverhalten haben auch Erinnerungen aus Kindheitstagen sein, die emotional prägend waren. Regelmäßig eine Süßigkeit zur Belohnung oder zum Trost können dazu führen, dass der Erwachsene sich im späteren Leben selbst mit Essen belohnt oder tröstet. Aber auch physiologisch wirkt Essen auf den Menschen. Stressessen und Süßhunger entstehen aus dem emotionalen Kontext und die physiologisch hormonelle Wirkung auf den Gemütszustand, z.B. durch einen steigenden Dopaminspiegel. So kompensiert der Mensch zum Beispiel negative Gefühle oder verstärkt positive. Ähnlich wie bei einer Droge. Hier spielen psychische wie auch physische Komponenten eine Rolle.

Die verschiedenen Dimensionen helfen, das Essverhalten eines Menschen besser zu verstehen und zeigen gleichzeitig auf, wie komplex und individuell die einzelnen Einflussfaktoren sein können.

Kopfbild © eldarnurkovic / Fotolia

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